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Wirtschaftsgeschichte

Einführung
Der Kanton Glarus ist gemäss der eidgenössischen Betriebszählung von 2001 der am stärksten industrialisierte Raum der Schweiz. Von 19038 Voll- und Teilzeit-Arbeitsplätzen bietet der zweite Sektor deren 7956 oder 42 Prozent (Schweiz: 27 Prozent) an; im ersten Sektor arbeiten 1555 oder 8 Prozent (5 Prozent) und im dritten Sektor 9527 oder 50 Prozent (68 Prozent) der glarnerischen Angestellten.

 

 

Milchwirtschaft und Viehhandel
Die Glarner sind, ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte zeigt dies, schon früh keine «Selbstversorger» mehr. Als Ende des 14. Jahrhunderts der Ackerbauzwang der Grundherrschaft Säckingen wegfällt, werden sie zu Hirten, die Ackerbauprodukte und Salz einführen müssen. Sie sichern sich mit dem Viehexport und dem Handel mit den hergestellten Milchprodukten das Auskommen. Das auf den zahlreichen Alpen gesömmerte und aufgezogene Vieh treiben sie über die Pässe auf die ennetbirgischen Märkte von Giubiasco, Lugano und Oberitalien. Dieser «Welschlandhandel» blüht mehr oder weniger bis zum Ersten Weltkrieg. Er musste durch Landsgemeindebeschlüsse zur Sicherung der Selbstversorgung mit Milchprodukten zeitweise eingeschränkt werden. Noch heute kommt der Alpwirtschaft Bedeutung zu. Die 96 Alpen werden von 125 Sennten bestossen; fast 14 000 Tiere – vor allem Kühe, Galtvieh, Schafe und Ziegen – weiden sommers während über 100 Tagen auf den Glarner Alpen. In dieser Zeit geben die Kühe um 4000 Tonnen Milch.

Gewerbe und Handel
Im 16. /17. Jahrhundert kommt der Handel mit gewerblichen Produkten dazu: Schiefertafeln und -tische, Griffel, erste textile Erzeugnisse wie handgestrickte wollene Strümpfe und Kappen sowie gefärbte Mäzzenwebereiwaren. Zahlreiche Glarner werden zu Handelsleuten mit Sprachkenntnissen und Beziehungen zu anderen Ländern und Städten. Von wirtschaftlicher Bedeutung ist ebenfalls der vor 1500 einsetzende Solddienst. In den Fremden Kriegsdiensten entstehen Verbindungen mit dem Ausland, die dem Handel zugute kommen. Die Handelsblockaden rund um die Eroberungskriege Frankreichs lähmen um 1700 den Handel, und der zweite Villmergerkrieg erschüttert die Eidgenossenschaft. Teuerung und Verdienstlosigkeit führen zu einer Auswanderungswelle, vor allem nach Ostpreussen. Die Not lindert der aus Zürich stammende, 1714 nach Glarus gewählte Diakon Andreas Heidegger, indem er durch geübte Spinnerinnen aus seiner Heimat die Handspinnerei im Glarnerland bekannt macht. Bald wird in fast jedem Haus des Tales Baumwolle gesponnen. Es entwickeln sich weitere Verdienstmöglichkeiten. Tüchtige «Fergger», die vorerst nur im Auftrag der städtischen Verlagshäuser die Rohbaumwolle holen und das gesponnene Garn bringen, werden zu selbstständigen, unabhängigen Verlegern und Kaufleuten.

Textilindustrie, «glarnerisches Wirtschaftswunder»
Um 1740 hält mit dem Bau der ersten Zeugdruckerei in Glarus die Fabrikindustrie Einzug ins Tal. Der Stoffdruck führt dazu, dass die Handweberei von Baumwolltüchern aufgenommen und der Handel immer wichtiger wird. Glarner Handelshäuser errichten Niederlassungen in verschiedensten Städten Europas und beziehen alle Arten von Gütern in ihren Tätigkeitsbereich mit ein. Der Glarner Grosshandel muss den Vergleich mit demjenigen von Genf, Basel, Winterthur oder St.Gallen keineswegs scheuen.

Der Blüte folgt erneut der Niedergang. Die Handspinner erleiden wegen der billigen englischen Maschinengarne nach 1780 massive Lohneinbussen. Sie müssen ihre Tätigkeit, nach dem auch hierzulande die Maschinenspinnerei eingeführt wird, als unrentabel aufgeben. Schlimm wirken sich zudem die Revolutionswirren aus. Sie bringen Untergang der alten Ordnung, Krieg, Besetzung, unsägliche Armut, Hunger, Elend, Seuchen: zwingen zur Auswanderung. Nach den Friedensschlüssen und Jahren der Missernten geht es ab Ende der 1810er-Jahre rasch wieder besser, zumal genügend Wasser als Antriebskraft oder zum Auswaschen gefärbter und bedruckter Tücher vorhanden ist.

Hänggi-Trum

Doch als um 1840 auch der mechanische Webstuhl seinen Siegeszug antritt, entzieht das Fabriksystem mit der modernen Technik den Heimwebern die Existenz. Es kommt zu einer Auswanderungswelle, die viele Glarner und Glarnerinnen nach den beiden Amerikas treibt. Allein 1845 wandern Hunderte aus. In den Jahren 1845 bis 1854 verlässt jede zwölfte Person das Glarnerland, in einzelnen Gemeinden gar jede vierte. 193 von ihnen brechen unter Aufsicht eines «Auswanderungsvereins» zum Staate Wisconsin in Nordamerika auf, wo 108 eintreffen. Sie bebauen das vorher erworbene Land und nennen ihre Siedlung «New Glarus», zu der noch heute enge Beziehungen bestehen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begünstigt das englische Freihandelssystem die wirtschaftlichen Tätigkeiten, die das «glarnerische Wirtschaftswunder» bewirken. Die Produkte der Textilindustrie und vor allem des Zeugdrucks erlangen dank ausgezeichneter Qualität und intensiver, Kundenbedürfnisse wahrnehmender Marktforschung Weltgeltung und erreichen mittels eigener Schiffe und weit verzweigten Netzes glarnerischer Handelsniederlassungen jeden Winkel der Erde; es wird das Wort geprägt, man treffe auf jedem Handelsplatz der Erde nebst einem Juden einen Glarner.

Während der Blütezeit um 1865 arbeiten in den 22 Druckereien etwa 6000 Menschen, die jährlich grosse Mengen Tücher hauptsächlich mittels Handmodel bedrucken. In den zahlreichen Spinnereien und Webereien sind zudem annähernd 4000 Arbeitende tätig. Die Textilindustrie beschäftigt fast einen Drittel der stark gewachsenen Gesamtbevölkerung, die 1870 mit 35 200 eine Höhe erklimmt, die in den folgenden sechs Jahrzehnten nicht mehr erreicht werden soll. Denn die gewaltige industrielle Entwicklung, die das Glarnerland die Spitze der Industrialisierung einnehmen lässt, erweist sich als zu Handdruckmodel, Holz- und Messingstecherei einseitig.

Bald setzt der Niedergang des Zeugdrucks ein; der Deutsch-Französische Krieg löst eine Handelskrise aus, und der Maschinendruck kommt auf. Erneut vermögen nicht alle Talbewohner in der Heimat ihr Einkommen zu finden und müssen auswandern; die Bevölkerungszahl sinkt um über acht Prozent. Heute gibt es nur noch wenige Textilindustriebetriebe. Dem einst so blühenden Kattundruck hat die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts beinahe den endgültigen Todesstoss versetzt.

Noch immer aber erinnern die vielen Fabrikgebäude, die zahlreichen Wasserkanäle und einige wenige Hänggitürme – um 1870 standen zwischen Niederurnen und Leuggelbach um deren 50 – an die Zeit, in der das Tal der Linth den Besuchern als einziger riesiger Industriebetrieb vorkam. (An dem von Linthal bis Ziegelbrücke und ins Kleintal reichenden Glarner Industrieweg stehen rund 50 Industrieobjekte. Deren Entstehung und Entwicklung stellen informative Tafeln vor, die damit Bedeutung und Vielfältigkeit der Glarner Industrie in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart bewusst zu machen vermögen.) Zudem sind manche Villen, Kosthäuser und Arbeiterhausreihen Zeugen dieser Zeit. Aber nicht nur sie. Auch die Sozialgesetzgebung von heute wurzelt in jener Epoche, in der es den Arbeitern im Landsgemeindekanton gelingt, sich unmenschlicher Arbeitsbedingungen zu entledigen und sich zu schützen.

Strukturwandel der glarnerischen Wirtschaft
Die Anstrengungen zur Einführung neuer Industrien, die ab Ende des 19. Jahrhunderts unternommen werden, haben langfristig gesehen Erfolg. Metall-, Maschinen-, Elektro-, Kunststoff-, Nahrungsmittel-und chemische Industrie, Möbel-, Baustoff- und Teppichproduktion, Apparate-, Orgel- und Seilbahnbau, Dienstleistungsbetriebe und Tourismus haben, teils in alten Fabrikgebäuden, Einzug gehalten. Diese Vielseitigkeit macht die glarnerische Wirtschaft widerstandsfähiger, obschon die enorme Exportabhängigkeit weiterhin besteht.

Verteilten sich im vergangenen Jahrhundert die an die Wasserkraft gebundenen Betriebe noch über den ganzen Kanton, siedelten sich die Folgeindustrien vor allem in jüngster Zeit im Unter- und Mittelland an, die mit dem Anschluss an die Autobahn A3 die günstigere Verkehrslage aufweisen. Sie liegen zudem näher am Eisenbahnknotenpunkt Ziegelbrücke, wo internationale Schnellzüge anhalten, und heutzutage ist der regionale Flugplatz Mollis für Firmen von Bedeutung, die weltweit Beziehungen unterhalten. Auch führt seit 1999 eine Erdgasleitung bis Mitlödi. – Die grösseren Anlagen der wirtschaftlich wichtigen Zweige «Energiewirtschaft» (Netstal, Schwanden, Linthal) und «Tourismus» (Braunwald, Elm, Kerenzerberg / Filzbach) finden sich hingegen vor allem in den anderen Regionen.

Ziger, kulinarische Spezialitäten
Trotz der erwähnten hohen Industrialisierung wird das Glarnerland in der übrigen Schweiz oft – etwas despektierlich – als «Zigerschlitz» bezeichnet. Der schmackhafte Kräuterkäse «Glarner Schabziger» gehört zu den eigenartigsten und ältesten Milchprodukten. Schon ein Säckinger Zinsrodel von 1310 erwähnt ihn. Noch immer wird dieses «Nationalprodukt» auf einigen der zahlreichen Alpen – andere produzieren den ebenfalls beliebten Glarner Alpkäse – hergestellt und in alle Welt versandt; von den etwa 450 Tonnen Zigerprodukten gehen rund die Hälfte ins Ausland. Ehedem vertrugen ihn «Zigermannli» zusammen mit dem seit Mitte des 17. Jahrhunderts hergestellten «Glarner Tee» und den Schiefertafeln als Wanderhändler – so wie sie auf Stichen oft zu sehen sind. Damit wäre die Rede von den kulinarischen Spezialitäten, von denen noch mehr zu nennen sind: vor allem die sauer (Zwetschgen) und / oder süss (Mandeln) gefüllten Glarner Pasteten oder «Paschteetebeggeli», dann die Kalberwürste (an butterreicher weisser Zwiebelsauce mit Kartoffelstock und gekochten, heissen Dörrzwetschgen: das traditionelle Landsgemeindemenü), Netzbraten, Schüblige, Birnbrot, «Anggezälte».